Kapitel 6 – Loslassen ist schwerer, als ich dachte

Nach den Kündigungen begann die Organisation. Plötzlich drehte sich alles um Entscheidungen.
Was nehme ich mit?
Was verkaufe ich?
Was verschenke ich?
Und was darf gehen?

Die Wohnungsbesichtigungen fanden statt.
Alles lief unkompliziert.
Fast schon routiniert.
So, wie es eben ist, wenn jemand Neues ein Zuhause sucht.
Und trotzdem fühlte sich nichts davon wirklich nach meinem Leben an.
Ich funktionierte einfach.
Rückblickend glaube ich, dass ich mich in einer Art Bubble befand.
Alles musste organisiert werden.
Listen wurden länger.
Termine kamen dazu.
Der Alltag lief weiter.
Und für meine Gefühle blieb kaum Platz.
Viele fragten mich:
"Freust du dich denn?"
Und ich antwortete meistens:
"Ja."
Denn natürlich freue ich mich.
Nur anders, als ich es von meinen bisherigen Reisen kannte.
Früher war die Vorfreude sofort da.
Dieses Kribbeln, sobald der Flug gebucht war.
Diesmal blieb es lange aus.
Vielleicht, weil diese Reise so viel grösser ist als alles, was ich bisher gemacht habe.
Es geht nicht einfach darum, für ein paar Wochen irgendwohin zu reisen.
Ich beginne, mein bisheriges Leben in Kartonschachteln zu packen.
Und das fühlt sich manchmal weniger nach Aufbruch und mehr nach Abschied an.
Dass die Vorfreude ausblieb, verunsicherte mich anfangs ehrlich gesagt sehr.
Ich fragte mich, warum dieses Gefühl nicht kam. Gleichzeitig wollte ich mich deswegen nicht unter Druck setzen.
Zudem lag es vielleicht auch einfach daran, dass der Abflug noch so weit entfernt war
und bis dahin noch so viel organisiert werden musste.
Also hörte ich auf zu warten, dass dieses typische Reisegefühl endlich kommt.
Und tatsächlich kam es mit der Zeit von selbst.
In den letzten Wochen wurde die Vorfreude immer stärker.
Besonders jetzt, wo der Abflug näher rückt.
Manchmal reicht schon ein Blick auf meinen Rucksack und ich muss grinsen.
Oder ich stelle mir vor, bald irgendwo aufzuwachen, wo ich noch nie zuvor gewesen bin.
Wenn ich über die nächsten Monate nachdenke, ertappe ich mich immer öfter bei diesem Gedanken:
Bald geht es wirklich los.
Das Kribbeln ist also doch noch gekommen.
Und inzwischen freue ich mich tatsächlich richtig darauf, dass es bald losgeht.
Vielleicht passen genau diese Gefühle zu meiner Situation.
Denn zum ersten Mal plane ich nicht einfach eine Reise.
Ich verändere mein Leben.
Und während ich versuchte, mich innerlich darauf einzustellen, begann das Loslassen auch ganz konkret.
Die Möbel wurden nach und nach verkauft.
Manche waren schon nach wenigen Stunden weg.
Andere brauchten etwas länger.
Mit jedem Möbelstück, das abgeholt wurde, veränderte sich die Wohnung ein kleines bisschen.
Dann verschwanden die Bilder von den Wänden.
Und plötzlich fühlte sich alles leerer an.
Nicht nur optisch.
Sondern auch emotional.
Irgendwann war meine Wohnung nicht mehr mein Zuhause.
Sie wurde zu einer Übergangsstation.
Ich wohnte noch dort.
Aber sie fühlte sich nicht mehr danach an.
Von aussen konnte man kaum sagen, ob gerade jemand ein- oder auszog.
Am Ende bestand meine Wohnung nur noch meinem Bett, einem Bürostuhl und einem kleinen Campingtisch von einer Freundin.
Meine Koffer dienten inzwischen als Kleiderschrank.
Und weisst du was?
Es stört mich kaum.
Vielleicht, weil ich auf meinen Reisen gelernt habe, wie wenig man eigentlich braucht.
Mit einem Rucksack unterwegs zu sein, hat mir gezeigt, dass Freiheit nicht davon abhängt, wie viel man besitzt.
Manchmal fühlt sie sich sogar genau dann am grössten an, wenn man weniger hat.
Diese Wochen zeigten mir einmal mehr, in welchem Überfluss wir oft leben.
Wie viele Dinge wir besitzen.
Und wie wenige davon wir wirklich brauchen.
Mit jedem Gegenstand, der die Wohnung verliess, wurde nicht nur der Raum leerer.
Auch meine Entscheidung wurde greifbarer.
Nicht laut. Nicht dramatisch.
Aber mit jedem Tag ein kleines Stück mehr.
Jetzt sind es nur noch wenige Wochen, bis mein neues Kapitel beginnt.
Und vielleicht ist genau das der schönste Teil eines Neuanfangs:
Noch nicht zu wissen, was kommt, aber sich darauf zu freuen, es herauszufinden.



Kommentare